Gabriela Buchs im Interview: Ein Labor für die Zukunft des Radsports?

Im Interview spricht CEO Gabriela Buchs über die Entstehung dieses Projekts, die wichtigsten Entscheidungen hinter den Kulissen sowie über die Chancen aber auch die Herausforderungen, die ein solcher Schritt für den Radsport von morgen mit sich bringt.

In diesem Interview spricht CEO Gabriela Buchs über die Entstehung des Projekts, die wichtigsten Entscheidungen hinter den Kulissen sowie über die Chancen, aber auch die Herausforderungen, die ein solches Format für den Radsport der Zukunft mit sich bringt.

Die Tour de Suisse war das erste WorldTour-Etappenrennen, bei dem Frauen und Männer an denselben Tagen, in denselben Etappenorten und auf weitgehend identischen Strecken gefahren sind. Rückblickend: Welche Entscheidung hinter den Kulissen war am schwierigsten, um dieses neue Konzept Wirklichkeit werden zu lassen?

Die grösste Herausforderung war eigentlich nicht eine einzelne Entscheidung, sondern der Mut, ein bewährtes Format grundsätzlich neu zu denken. Ein solches Konzept verändert fast alles: die Planung der Etappen, die Akquise von Etappenorten, die Abläufe für Teams, TV, Sicherheit und Logistik. Uns war von Anfang an wichtig, dass wir Frauen- und Männerrennen nicht einfach parallel durchführen, sondern beiden dieselbe Wertigkeit geben. Dafür mussten viele Prozesse neu gedacht  werden. Das bedeutete mehr Abstimmung und auch mehr Überzeugungsarbeit. Umso schöner ist es zu sehen, dass sich dieser Schritt gelohnt hat und international auf grosses Interesse stösst.

©btsbycharlotte
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2. Was war bei diesem Projekt letztlich schwieriger: eine neue Idee zu entwickeln oder alle Beteiligten davon zu überzeugen, dass sie funktionieren kann?

Die Idee war eigentlich schnell geboren. Schwieriger war es, alle Beteiligten mitzunehmen. Ein Projekt dieser Grösse funktioniert nur, wenn alle mitziehen und gemeinsam daran glauben. Jeder bringt unterschiedliche Erwartungen mit. Deshalb war der offene Dialog entscheidend. Wir haben nicht versucht, jemanden von einer fertigen Lösung zu überzeugen, sondern das Konzept gemeinsam weiterentwickelt. Gerade die Inputs vom Team, den Bereichsleitenden war sehr wichtig, aber natürlich auch das Vertrauen der Partner und Sponsoren. Gerade dadurch entstand eine breite Akzeptanz, auf die wir heute stolz sind.

Richard Chassot (Tour de Romandie) hat mir vor Kurzem erklärt, dass Themen wie Strassensperrungen, Sicherheit und Organisation immer anspruchsvoller werden. Gibt es heute Entscheidungen, die aus sportlicher Sicht ideal wären, sich aber aus organisatorischen Gründen schlicht nicht mehr umsetzen lassen?

Ja, definitiv. Der organisatorische Aufwand ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Sicherheitsanforderungen, Verkehr, Bewilligungen und die Erwartungen an Nachhaltigkeit sind heute viel komplexer als noch vor zehn oder zwanzig Jahren.

Natürlich gäbe es aus sportlicher Sicht manchmal reizvolle Ideen –gleichzeitig tragen wir aber eine grosse Verantwortung gegenüber Bevölkerung, Behörden Sponsoren, Teams und allen Beteiligten.

Die Kunst besteht darin, sportlich attraktive Rennen zu organisieren und gleichzeitig realistische, sichere und nachhaltige Lösungen zu finden. Diese Balance wird immer wichtiger.

Olivier Senn hat erklärt, dass dieses neue Format gleichzeitig mehrere Ziele erfüllen sollte – sportliche, organisatorische und wirtschaftliche. Hat Sie nach dieser ersten Austragung ein Vorteil dieses Konzepts stärker überzeugt als erwartet? Oder gab es einen Aspekt, der sich als anspruchsvoller erwiesen hat als gedacht?

Mich hat besonders beeindruckt, wie positiv das Gesamterlebnis wahrgenommen wurde. Wenn Frauen- und Männer-Rennen denselben Etappenort teilen, entsteht eine ganz andere Dynamik. Die Fans verbringen den ganzen Tag an der Strecke rsp. Village, die Etappenorte profitieren von einer längeren Präsenz und unsere Partner erhalten eine deutlich umfassendere Plattform. Dadurch entsteht ein Mehrwert für alle Beteiligten.

Gleichzeitig haben wir gemerkt, wie anspruchsvoll ein solches Format organisatorisch ist. Zwei WorldTour-Rennen auf höchstem Niveau parallel durchzuführen, verlangt eine minutiöse Planung und eine enge Zusammenarbeit aller Partner. Gerade die langen Transfers müssen wir optimieren. Aber genau deshalb sehen wir dieses Projekt als Lernprozess.

Wir wollten nicht einfach etwas Neues machen, sondern herausfinden, wie die Zukunft des Radsports aussehen könnte.

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Im Gegensatz zur Formel 1, zum Tennis oder zur NBA gehört der Radsport zu den wenigen grossen Sportarten, bei denen man Weltklasse-Sport noch kostenlos am Strassenrand erleben kann. Wie kann dieses besondere Merkmal erhalten bleiben und gleichzeitig die wirtschaftliche Zukunft eines WorldTour-Rennens gesichert werden – obwohl die Erwartungen von Partnern, Etappenorten und Publikum ständig steigen?

Gerade diese Nähe macht den Radsport einzigartig. Jeder kann die besten Athletinnen und Athleten der Welt aus nächster Nähe erleben – unabhängig vom Budget. Das ist ein enormer Wert, den wir unbedingt erhalten möchten. Und das breite Interesse ist toll zu sehen. Wir erleben oft, dass 3 Generationen zur Tour de Suisse gemeinsam kommen.

Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Sicherheit, TV-Produktion, Nachhaltigkeit oder Fan-Erlebnisse kontinuierlich. Deshalb müssen wir neue Einnahmequellen schaffen, ohne die Zugänglichkeit des Sports einzuschränken. Das gelingt über starke Partnerschaften, innovative Hospitality-Angebote, digitale Reichweite und attraktive Plattformen für Sponsoren. Ich bin überzeugt, dass wir wirtschaftlich wachsen können, ohne das zu verlieren, was den Radsport so besonders macht.

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6. Das neue Format hat Frauen- und Männerrennen so eng zusammengebracht wie kaum zuvor. Was ist heute die grösste Herausforderung, damit diese Nähe dem Frauenradsport nützt und er gleichzeitig seine eigene Identität weiter stärken kann?

Die gemeinsame Plattform ist eine grosse Chance, weil sie Sichtbarkeit schafft – und Sichtbarkeit ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für Wachstum. Gleichzeitig darf Gleichstellung nicht bedeuten, dass Unterschiede verschwinden. Der Frauenradsport entwickelt sich unglaublich dynamisch und begeistert mit eigenen Persönlichkeiten, Geschichten und sportlichen Qualitäten. Genau diese Eigenständigkeit muss sichtbar bleiben.

Unser Anspruch war deshalb nie, Frauen- und Männerradsport gleichzumachen. Vielmehr wollen wir beiden dieselbe Bühne, dieselbe Professionalität und dieselbe Wertschätzung bieten. Wenn wir das schaffen, profitiert nicht nur der Frauenradsport, sondern der gesamte Radsport. Vielfalt macht unseren Sport stärker.

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Heute verpflichten Uhrenmarken, Luxusmarken oder Modehäuser immer häufiger Radprofis als Markenbotschafter. Ist das einfach eine Entwicklung im Sponsoring oder ein Zeichen dafür, dass der Radsport eine neue Dimension erreicht? Und welche Auswirkungen hat das konkret auf die Tour de Suisse?

Ich glaube, das ist weit mehr als klassisches Sponsoring. Der Radsport steht heute für Werte wie Authentizität, Leistungsbereitschaft und einen aktiven Lebensstil. Genau diese Werte gewinnen für viele Marken an Bedeutung. Oft wird Radsport als das «neue Golf» gehandelt.

Für die Tour de Suisse eröffnet die neuen Möglichkeiten. Wir sprechen heute Zielgruppen an, die früher vielleicht keinen direkten Bezug zum Radsport hatten. Dadurch entstehen neue Partnerschaften und spannende Geschichten weit über den eigentlichen Wettkampf hinaus. Das zeigt, dass der Radsport gesellschaftlich und wirtschaftlich an Relevanz gewinnt.

8. Die Tour de Suisse zeigt jedes Jahr einige der schönsten Bilder der Schweiz. Sehen Sie noch Potenzial, gemeinsam mit Schweiz Tourismus die Tour de Suisse noch stärker als einzigartiges Erlebnis und internationale Visitenkarte der Schweiz zu positionieren?

Absolut. Die Tour de Suisse verbindet Spitzensport mit einzigartigen Landschaften und regionaler Vielfalt. Millionen Menschen auf der ganzen Welt erleben die Schweiz über unsere Fernsehbilder. Dieses Potenzial ist enorm. Ich sehe grosse Chancen, den Radsport, den Tourismus und die Regionen noch enger miteinander zu verknüpfen.

Es geht nicht nur darum, schöne Bilder zu zeigen, sondern Emotionen zu vermitteln und Lust zu machen, die Schweiz selbst zu entdecken. Gerade diese Verbindung macht die Tour de Suisse zu weit mehr als einem Radrennen.

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Als CEO muss man manchmal Entscheidungen treffen, die nicht alle gut finden. Woran erkennt man, dass eine Veränderung wichtig genug ist, um bestehende Gewohnheiten bewusst zu hinterfragen?

Veränderung ist nie Selbstzweck. Sie muss einen klaren Mehrwert schaffen und langfristig die richtige Richtung vorgeben. Natürlich ist es angenehm und bequem, an Bewährtem festzuhalten. Aber Stillstand ist gerade im Sport keine Option. Wenn wir den Radsport weiterentwickeln wollen, wenn wir relevant bleiben wollen, müssen wir bereit sein, neue Wege zu gehen – auch wenn sie zunächst Fragen oder Skepsis auslösen. Denn die Entertainmentbranche hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten stark verändert, wir konkurenzierren nicht mit andern Radrennen, aber mit anderen Sportarten, Konzerte, Youtube, Netflix etc. Innovation entsteht selten dort, wo alle von Anfang an einer Meinung sind.

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